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Das Wirtshaus in Killarney
Wir müssen ein erbärmlicher Anblick gewesen sein,
denn die Wirtin sagte: "Kommen Sie doch bitte rein. Sie können
hier zu abendessen und ich werde versuchen Ihnen irgendwo zwei freie
Zimmer zu finden während Sie essen." Zu so einem Angebot kann man nicht nein sagen. Das Essen war so wunderbar wie die Wirtin und es war schon
gut nach neun Uhr, als wir sie endlich fragten, ob sie es geschafft
hätte, eine Übernachtung für uns zu finden. "Well" sagte sie, "ich habe da eine Freundin nicht weit von
hier, die bietet 'Bed and Breakfast' an". Sie zögerte für
einen Augenblick, dann fuhr sie fort: "Ich weiß nicht, wie gut die
Unterkunft ist, aber sie hat haufenweise Platz". Wir fragten uns leider nicht, warum die Freundin
so viel
Platz im Haus hatte, wenn dieses hier bis zum Dachboden hin voll war,
bedankten uns bei der freundlichen Wirtin und baten sie, zwei Zimmer
für uns zu bestellen. Wir zahlten für das ausgezeichnete
Abendessen und freuten uns schon auf das letzte Abenteuer dieses langen
Tages. Wir
ahnten wenig, dass unser Hauptabenteuer noch gar nicht angefangen hatte! Der Ort konnte nicht leicht gefunden werden
und es war beinahe elf Uhr ehe wir ihn erreichten. Es war eine
stockdunkle Nacht mit einem winzigen Band des neuen Mondes am Himmel,
als wir endlich vor der alten, auf einem Hügel gelegenen Georgian
Mansion auffuhren. Alte Bäume begrenzten die nahe gelegenen
Felder, dunkele Zäune und Schuppen verkündeten dass dies eins
eine Farm gewesen war.
Es gab kein Außenlicht und die Fenster waren so dunkel wie das
Haus, welches so gespenstisch und geheimnisvoll aussah, dass wir uns
schon darauf freuten, herauszufinden, ob das Innere so gut wie das
Äußere war. Gerade als wir anklopften, heulte eine
einsame Eule: "Viel Glück, viel Glück". Verbunden mit dem
Rauschen und Wehen der Bäume und einem entfernten aufmunternden
Geschrei eines anderen nächtlichen Tieres, war es eine
bemerkenswerte Vorstellung. Während wir warteten flüsterte Heide: "Hier ist
es ja so gruselig wie in einem Agatha-Christie-Roman. Das Einzige was
fehlt, ist eine kleine verschrumpfte Frau, die die quietschende Tür
aufmacht und flüstert: 'Was wollen Sie denn hier?'"
Meine Schwester hatte kaum ihre Prophezeiung beendet, als sich die
Tür mit Hilfe urzeitlicher Angeln öffnete und den Umriss
einer gekrümmten alten Frau sichtbar machte. "Was wollen Sie denn hier?'" fragte sie mit ihrer besten
Agatha-Christie-Stimme, "seid Ihr die Leute, die hier für die Nacht
eingebucht sind?" Wir
unterdrückten einen heftiges Gruseln, versicherten ihr,
dass wir genau die Leute waren und folgten ihr in das dunkle Haus. Mir
ist natürlich klar, dass wir uns auf der Stelle hätten
umdrehen sollen, um in einen der hohen Bäume zu klettern, um dort
die Nacht in den bequemen Ästen zu verbringen - ich muss
aber leider berichten, dass wir das Haus ohne weiteres Zögern
betraten.
Es war so dunkel in der Eingangshalle, dass es schwierig war zu
beurteilen, wie groß der Raum eigentlich war. Irgendwo hinten gab
es einen großen Treppengang und ich sah die Schatten von alten
Möbeln. Das meiste des vorhandenen Lichts kam von den glühenden
Augen einer lebensgroßen Jesus-Statue: der angriffslustigste
Christus, den ich jemals in meinem Leben gesehen habe. Sein
elektrischer Blick folgten mir überall hin und hätte
die Eingangshalle dominiert, wenn es nicht einen riesigen
gestopften Grizzlybären gegeben hätte, der in einer fernen
Ecke hauste - mit erhobenen, zum Schlagen bereiten Tatzen und
glühenden Augen, die noch hochwattiger waren als die des
berühmten Judäers. Beide zusammengenommen waren todeserschreckend! Atemlos geworden blickten wir uns schweigend um. Was war dies
für ein Ort? War es der Tempel einer unbekannten Kultreligion?
Gehörte der Raum vielleicht einem Raubtierjäger?
Das würde den glühäugigen Grizzlybären
erklären, aber wie erlegt man einen Jesus?
Als unser Augen sich langsam an die Dunkelheit gewöhnt
hatten, konnten wir einige Ornamente an den Wänden ausmachen.
Einige
mottenzerfressene Teppiche führten zu einem prächtigen Kamin
und die von Schatten versteckten Umrisse von Tierköpfen an den
Wänden zeigten, dass es dem hiesigen Wild nicht besser
ergangen war als dem Bären und seinem frühgeschichtlichen
Gegner.
Diese beiden waren wirklich atemberaubend - selbst wenn man sie
stundenlang bestaunte. Ich wandte meinen Blick nicht ab, bis ich
über eine andere Trophäe stolperte, die jemand listig auf den
Fußboden genagelt hatte. Zweifelsohne ein totes Schaf oder vielleicht sogar
ein lebendiger Tiger!
Die alte Dame gestikulierte nach einigen Türen hin. Wir folgten
ihr, um unsere Unterkunft zu inspizieren. Sobald Heide und die alte Dame von
der Finsternis verschluckt worden waren, konnten Meg und ich
untersuchen, was da so hinter der Türe lag. Es sah - anders aus. Im Zimmer waren nur zwei Möbelstücke - ein
riesiges Doppelbett und ein eingebauter Schrank, der die ganze Hinterwand
einnahm.
Der Schrank war riesengroß. Was der Holzwürmer
übrig gelassen hatten, sah wie Eichenholz aus. Es gab Dutzende von
Schubladen und kleine Türchen - die alle schwer zu öffnen
waren und nichts enthielten. Jedes Mal, wenn ich eine aufzwang - und ich
öffnete sie alle - wehte ein uralter Geruch in das Zimmer, der mich
an die Gruft im Dom von Speyer erinnerte - wo die Toten älter als
tausend Jahre sind. War die Leiche des alpinen Ziegenhirten hier
irgendwo versteckt? War er wirklich tot ? Lebte er vielleicht
noch ? Ist es möglich, den Unterschied zu riechen? Der letzten Schublade entnahm ich eine rührende
Broschüre, die den Reiz eines traditionellen irischen
Bed-and-Breakfast Gasthofes verkündete. Dies verriet uns eines:
mindestens
ein anderer - vergesslicher - Gast hatte hier einmal übernachtet.
Hatte er das überlebt oder war die Vertiefung im Bett von ihm? War
er der Geruch im Schrank? War er Österreicher gewesen? Als nächstes probierten wir das Bett. Ein auf dem Rücken liegendes Dromedar - das
mit allen
vier klumpigen Hufen eine Bettdecke balanziert - hätte es
vielleicht geschafft, auf diesem Möbelstück die Nacht zu
verschlafen, aber da es unmöglich ist, den menschlichen Körper
so
zu verdrehen, dass er in so ein Matratzenschlagloch passt, mussten wir
den Versuch
nach einigen Minuten aufgeben und versuchen, uns etwas Neues einfallen
zu lassen, wobei wir nachdenklich unsere schmerzenden Rücken
rieben. Doch wir brauchten den Schlaf und so schob ich das Bett gegen
eine Wand und zog die Matratze auf den karrenden Boden. Dadurch
verschwand ein großer Teil des Alpentales. Wir legten uns nieder
und hatten einen ziemlich rastlosen Schlaf, der oft von
merkwürdigen Geräuschen, die aus dem Inneren des Hause kamen,
gestört wurde. Ich träumte von altertümlichen Christen
die in eine tödliche Schlacht mit einer Armee von
glühäugigen Grizzlybären vertieft waren, die in einer
Arena, die aussah wie ein Kleiderschrank abgehalten wurde - aber selbst
im Traum wusste ich, dass das reiner Blödsinn sein musste. Beim Morgenrot wachten wir steif und müde auf - ein Gefühl, das noch schlimmer wurde, denn wir mussten noch das Bett wieder in seinen Normalzustand versetzen. Diese Matratze war wuchtig! Wir beschlossen dass, all dies so komisch war, dass wir - so
lange wir lebten - diesen seltsamen Ort niemals vergessen würden;
wir sollten also einfach unsere letzten Minuten hier mit Galgenfreude
genießen. Wir erahnten das Frühstück mit einer
seltsamen Mischung von wehmütiger Vorfreude und delikater Furcht.
Wir wurden nicht enttäuscht: es stellte sich heraus, dass das
Frühstück ein turbulentes Crescendo im Finale einer sowieso
schon über durchkomponierten Sinfonie werden sollte. Ein gutes Irish Breakfast besteht aus Orangensaft,
Hafer-oder Werweißwasflocken, Spiegeleiern, gebratenem Speck,
gebratenen Würstchen, Tee, Toastbrot, Butter und Marmelade; oft
auch Soda Brot und all so anderen Dingen, die zu einem frühzeitigen
Herzanfall führen können werden, freiherzig dazu gegeben. So
ein richtiges Irish Breakfast bleibt mit einem bis zum späten
Abend, obwohl es wahrscheinlich das Leben um mehrere Stunden - oder
möglicherweise Jahre -verkürzt. Unser Frühstück fing mit etwas verdünnten
Orangensaft an, der von dem erwarteten Toast und Butter gefolgt wurde; es
gab auch einen sehr guten Tee. Während wir da saßen und so vor
uns hin mampften, watschelte ein sehr eigenartig aussehender Hund in das
Breakfastzimmer. Es war schwer zu entscheiden, ob es ein Pudel oder ein
Dobermann war, denn der Hund war unglaublich fett. Er war so dick, dass
man sich wirklich wundern musste, wie es ein normaler Mensch fertig
brachte, einen Hund so viel zu füttern, dass er einen solchen
Durchmesser erreichen konnte. Die alte Frau kam mit einer Kanne frisch
gemolkener Milch in den Raum. Während wir die Milch über unsere Cornflakes
schütteten und versuchten, ein schönes Knistern von den
müden Dingern zu höhren, begann die alte Agatha eine
höfliche Unterhaltung:
Unbetroffen ignorierte sie unser betroffenes Schweigen und fuhr stolz fort: "Aber eine von ihnen ist noch okay. Sie mussten nur das halbe Euter abschneiden, der Rest funktioniert aber noch". Diese Kuh nahm uns die Ruh'. Wir wahren allerdings so
tiefsinnig damit beschäftigt herauszusahnen was denn wohl
'Mastitis' sein möge, dass wir nicht viel über
die Kuh trauerten. War diese alte Frau verrückt oder war dies nur
ein fröhlicher Scherz? Es war Zeit für die Würstchen. Wir besprachen
gerade, was wohl 'Mastitis' sein möge und hatten beschlossen, dass
es etwas Schlimmes war - doch nicht leicht ins Deutsche
übersetzbar - als sie uns einen großen Teller mit Speck,
einigen fettigen Spiegeleiern und einer ganzen Armee von rabiat
aussehenden Würstchen vorsetzte.
Statt zu warten, um die unessbaren Würstchen
zurückzugeben - sollten es wirklich Würstchen sein -
beschloss ich, sie an den Hund zu verfüttern. Generationen von
Gästen müssen das Gleiche getan haben, denn Meg und Heide
sahen mich mit einem Blick an der sagte: "Prima Idee" und taten das
Gleiche. Dies erklärt natürlich, warum das Geschöpf so
dick war - wir hatten Heute wenigstens dies Eine errätselt. Die alte Agathe kam plötzlich ins Zimmer zurück
und rief ihren Hund. Wir mussten ihn einfangen, denn es hingen ihm drei
Würstchen aus dem Maul und er konnte nicht schnell genug schlucken,
um das Beweismaterial rechtzeitig zu beseitigen. Da wir die Milch nicht getrunken und unsere
Würstchen selbstlos an den Hund verfüttert hatten waren wir
noch immer ziemlich hungrig. Doch der letzte Rest unseres Appetits
verging vollständig nachdem die Dame des Hauses ihren letzten
großartigen Auftritt gemacht hatte. Sie verkündete in einer
resignierten - doch seltsam stolz klingenden Stimme: "Ich war gerade im Stall! Jetzt hat die andere Hälfte des Kuheuters auch noch Mastitis gekriegt!" Wir zahlten und rasten von dannen.
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